"N​.​O​.​W​.​"

by Julia Rani & Tobias Herzz

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1.
Hamlet: „Seid so gut und haltet die Rede, wie ich sie Euch vorsagte, leicht von der Zunge weg; Behandelt alles gelinde! Denn mitten in dem Strom, Sturm und, wie ich sagen mag, Wirbelwind Eurer Leidenschaft müßt Ihr Euch eine Mäßigung zu eigen machen, die ihr Geschmeidigkeit gibt. Es ärgert mich in der Seele, wenn solch ein handfester Geselle eine Leidenschaft in Fetzen zerreißt, um den Gründlingen im Parterre in die Ohren zu donnern. Ich bitte Euch, vermeidet das! Seid auch nicht allzu zahm, sondern laßt Euer eigenes Urteil Euren Meister sein : paßt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei Ihr sonderlich darauf achten müßt, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspieles entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Wird dies nun übertrieben oder zu schwach vorgestellt, so kann es zwar den Unwissenden zum Lachen bringen, aber den Einsichtsvollen muß es verdrießen; und der Tadel von e i n e m solchen muß in Eurer Schätzung ein ganzes Schauspielhaus voll von andern überwiegen. Es gibt Schauspieler, die ich habe spielen sehn und die, gelinde zu sprechen, weder den Ton noch den Gang von Menschen hatten und so stolzierten und blökten, daß ich glaubte, irgendein Handlanger der Natur hätte Menschen gemacht, und sie wären ihm nicht geraten.“
2.
3.
Über die Liebe zum guten Ton Weil er in Freundlichkeit wurzelt und vielmehr im Zuhören beruht, als in eigener Rede, ist der gute Ton zugleich der verschüttete Grundton des Miteinanders. Es schwingt in ihm eine große Stille mit ... WALLS (Lyrics by Constantine P. Cavafy) „Without consideration, without pity, without shame they have built great and high walls around me. And now I sit here and despair. I think of nothing else: this fate gnaws at my mind; For I had many things to do outside. Ah why did I not pay attention when they were building the walls. But I never heard any noise or sound of builders. Imperceptibly they shut me from the outside world.“ … Nur im guten Ton kann bislang Unvorstellbares bewerkstelligt werden mit ruhig schlagenden Herzen. Der gute Ton ist das Gegenteil des Verhörs. Denn das Verhör ist das Gespräch des Krieges.
4.
Über die Liebe zu den Verlorenen Nur die Verlorenen erzählen Dinge zehn-, hundert-, tausendmal. Immer wieder, aber immer wieder auf´s Neue. Weil sie ihnen immer wieder neu scheinen. Die Verlorenen machen keine klaren Ansagen. Sie warten auf eine Antwort; irgendwann aber wird ihnen klar, dass es die eine Antwort niemals geben wird. Die Herrlichkeit der Verlorenen besteht in ihrer Begeisterung und Verzweiflung – und darin, dass sie nicht müde werden, zu erzählen. Die Verlorenen erzählen fragend. Unsicher. Tastend. Lachend über sich selbst. Denn sie ahnen oder wissen ihre sogenannte Fehlbarkeit. Wenn sie beginnen, darüber zu lachen und dennoch – in vollem Ernst – weiter erzählen, graben sie sich – langsam, aber sicher – in das Weltwesen ein, das eine hoffentlich endlose Erzählung des Unbekannten ist. Wie sollte man sie nicht lieben mit ihrem kindlichen Stirnrunzeln?
5.
NOW & HERE 03:56
NOW & HERE „No, it´s not a fairytale; No, it´s not a dream. The sun is still there and the earth still For a while. It´s all just: Now & Here. If only I could see your face In my mind when you´re gone; I´d trust all time in a next time and in That all is: Now & Here. Every corner of this Universe is filled up with our thoughts; Every corner of our brain is full of Galaxies. Doesn´t matter where we are – Everywhere are we.“
6.
Über die scheinbare Verwechslung Auf der Bühne steht ein Mensch. Auf einer Leinwand entsteht ein Mensch. Zwischen Zeilen ist ein Mensch eingeschrieben. Immer steckt ein Mensch dahinter, selbst wenn Ungreifbares verhandelt wird. Heiligenbilder selbst sind gemacht vom Menschen. Wenn also etwas Heiliges dich angreift, berührt, streift – wie ein Windhauch dich angeht BEI RUHIGER LUFT IM STILLEN ZIMMER oder nächtens im Offenen dich anweht beim Schauen über Stadt Land Fluss – bist du niemals allein in der Welt. Der Schauende ist nichts ohne die Welt, auf die er schaut. Es gibt kein einziges Heiliges, das vollkommen frei wäre vom Jetzt und Hier und allen, die darin irrlichtern, schauen, tanzen, mitgehen und – ja, selbst dies: mitmarschieren. Es gilt, die Zwischenräume wiederzufinden. Die Schauspieler schminken sich ab, nachdem sie liebten, rasten, sangen oder starben – und treffen sich in der Kantine. Vielleicht ist der Verlust an guten Kantinen – der Verlust an guten Orten, an denen Unfassbares nachklingt und in herrlicher Erschöpftheit lachend, rückblickend beleuchtet wird, der tatsächliche Verlust des Eigentlichen – oder gar Heiligen – in der Jetzt-Und-Hier-Welt. Über den Lebenswandel Er kann vorgeworfen werden. So viele, die es schon immer besser wussten oder wissen, werfen ausgerechnet in Unruhe-Zeiten das Selbstbestimmte dem Selbstbestimmten zum Fraß vor: 'Da musst du dich ja nicht wundern.' Aber was ist, wenn man sich jeden Tag, jede Minute, jeden Moment wundern möchte und wundern will? Spielende Kinder begeistern und wundern sich; wälzen sich geradezu in der Unerschöpflichkeit der Möglichkeiten. Können Hunde oder Superhelden, Bettler oder Biedermänner sein von Atemzug zu Atemzug; zwischen Lidschlag und Lidschlag. Es gibt kein Gesetz, das gesetzt wäre vom Urgrund – es gibt keine zehn Gebote, keine heilige Schrift, die den Menschen VORSCHREIBT. Der Mensch schreibt sich selbst; im Wunder des Daseins gefangen und befreit zugleich. Er wandelt durch Unfassbares und hat einzig das Recht und das grenzenlose Vergnügen, auf das Unfassbare einzugehen mit stets neuer Lust, sich selbst zu verorten im Unbestimmten – ohne Aussicht auf ein Ankommen oder einen (oh, übles Wort...): Erfolg, dessen Fehlen als Fehler missverstanden wird. Obgleich niemand sagen könnte, was er eigentlich sei.
7.
Über den Weg der verlorenen Kinder Sie waren unter den Tisch gefallen oder gut behütet – und dennoch graust es ihnen davor, in der Reife an Jahren unter irgendeine Haube gesteckt zu werden. Früh auf sich selbst gestellt, tragen sie sich selbst auf den eigenen Schultern durch die Untiefen der klaren Wasser. Mit Weitblick geschlagen oder gesegnet. Ihre eigene Vergangenheit ist nicht kontrollierbar und sie strauchelt unter ihnen hinweg im Gewirr von Schlingpflanzen und Treibsand – aber: Da sie schwimmen können, landen sie stets auf´s Neue an Ufern, die erst einmal sicheren Untergrund bieten für den eigenen Fortgang. Sie lieben dabei vor allem die unbekannten Strände, die gar nicht unbekannt gebaut sind: Diese Strände sind gewohnte Weltbilder aus Wasser, Sand, Wind, Berg, Wald, Himmel und Sonne. Das Wrack des sicheren Schiffes wird voller Neugierde spielend leicht zurückgelassen im unerwarteten Hafen aus Treibgut und Muschelbank; und die verlorenen Kinder durchforsten das erneute Neuland ohne Angst vor Schlangen und Kannibalen auf der immer und immer wiederholten Suche nach der Hütte des Großen Gestrandeten – der ihnen durch Erzählungen wohl vertraut ist – in der die einzige und letzte Schatzkarte auf sie wartet. Das Kreuz auf ihr ist dabei lediglich Antrieb für die nächste Irrfahrt; Karten zu zeichnen das reinste und schönste Kinderspiel. – Sie waren und sind oft einsame Spieler, dabei aber nicht zwingend unglücklich; selbst Gesellschaft gegenüber nicht abgeneigt, aber das Alleinsein ist ihr gutes Können. Im Seltenen finden sie sich hin und wieder; spielen gemeinsam für eine Zeit; machen dabei nicht viele Worte, aber sagen alles durch ihr Spiel.
8.
Über die große Liebe zu den Hochebenen Weil sie zugleich Gipfel und Flachland sind. Weil sie erreichbar sind und zugleich Tableau alles Unerreichbaren. Das sich vor ihnen auftut in stiller Schönheit: Lichter in der Ferne – vor allem des nachts – ein fernes Rauschen, das offen lässt, ob es von der See, einer Stadt, einem Gebirgszug oder einer Autobahn stammt. Hier oben ist Ankunft und Beginn; hier ist Ausblick – auf das was war und auf das, was kommen mag. Der Wind erzählt sein Lied dazu; schmeichelt oder zerzaust – aber ist treuer Bewohner des Plateaus. 'Spiel´ mit mir! … Sei im Vergehen!!' … Und hinterlasse Spuren: Muschelkalk im Vorgebirge, eine Inschrift, Fußabdrücke, Erinnerung an einen ersten Kuss – oder auch: verschwimmende Gipfel – von einem Meer ununterscheidbar: Eine Fotografie; vager Versuch des Festhaltens am Augenblick. Die Hochebene aber bietet keinen Halt – alles schwimmt, geht, fliegt, schwirrt, taumelt, tanzt in jegliche Richtung davon. Aber: die Zeit auf dem Plateau ist und bleibt der unfassbare erlebte einzige Augenblick. Der vollkommene eine Atemzug zwischen Gerade-Eben und Jetzt-Schon. Sprachloses Hiersein mit Sonne, Mond und Sternen. Mit unbändiger Begeisterung empor geworfene Arme, die versuchen, jegliches Innen in ein allumfassendes Außen zu schleudern. Geben und Fangen-Wollen ununterscheidbar eines. Tanz ohne Ziel.
9.
CLOUD MARCH 03:05
CLOUD MARCH „They don´t mean anything, They don´t want anything, They don´t hide anything, They don´t say anything. They tell: We are just Clouds. White and wild or mild brushstrokes (We don´t mean anything) On borderless blue canvas, (We don´t want anything) Mountaintops on higher ground, (We don´t hide anything) Rising from behind horizon. (We don´t say anything) That´s all. Nothing less and nothing (We are just) More. (Clouds.) I love the(m / e). Hear how I love the(m / e).“
10.
Über die Liebe zu den Brachen Der Wind geht über sie und bricht sich – in unvorhersehbaren Wirbeln – zwischen Ziegelmauerresten, leeren oder mit Überbleibseln blinden Glases bestückten stählernen Fensterrahmen, rostigen Laufkatzen und verblichenen Schaltzentralen. Er treibt Staub auf, knapp über dem abgewetzten Kopfstein, aus dessen Fugen es schon längst wieder grünt – zart, aber von erstaunlicher Höhe. Auch hinter verbogenen Schranken, deren Rot-Weiß nur noch ahnbar ist, greift er in gelbliche Halme, die sich steppengleich zu jeder Jahreszeit unter ihm im Sonnenlicht neigen. Eine eigenartige Stille ist all den verschiedensten Brachen gemein. Es muss das Verstummen der Worte sein, die man vor der Zeit hunderttausendfach in und auf ihnen wechselte oder als Anweisungen oder gar als Befehle herauskrächzte – bevor die Brachen zu Brachen wurden. Weil sie zwar menschenleer, aber nur selten in völligem Niemandsland gelegen sind, dringen aus der Ferne verschiedenste Geräusche weitergegangenen Menschendaseins ans Ohr des einsamen Besuchers der Brache – vom Rauschen einer Autobahn, über Hupen, Gerassel von Baufahrzeugen und Güterzügen, Flugzeugen mit Fernreisenden bis zum Lärmen eines Kindergarten-Spielplatzes. Geräusche also von Orten und Dingen, die noch ihrer Bestimmung gemäß funktionieren. Die Stille der Brachen ist der Klang des Verlustes ihrer einstigen Bestimmtheit. Sie sind verloren und aufgegeben – und dennoch, oder genau deswegen – heitere Orte; und nicht, weil in ihnen ein möglicher neuer Anfang, eine neue Bestimmung als Idee steckt – sondern, weil sie sich der Zeit hingeben, geschehen lassen und – ohne sich darum zu bemühen – ihre ureigenste Geschichte weiterschreiben und weiterleben – wie auch immer diese Geschichte aussehen und ausgehen oder enden mag. Vielleicht endet sie niemals. Brachen sind das Gegenteil von Friedhöfen.
11.
EVERYTHING IS GOOD „Wordless I´ve been waiting Nowhere, somewhere; Till I heard my words through you. Stay. (Oh, please!) Stay. Just open your mouth and say: Everything is good. (Everything is god).“

about

"N.O.W." is - maybe - an audiobook. Or a music album? A radio play? An audio film? Or some or none of all of this?

We don't know - and it doesn't matter. This collaboration of writer and musician Tobias Herzz with fabulous actress Julia Rani is a declaration of love to the world - the world as we see it... A poetic journey via words and music on a "road to God knows where".

credits

released April 30, 2020

All music & lyrics written by TOBIAS HERZZ.
Except 01: Words by William Shakespeare (from „Hamlet – Prince Of Denmark“; Transl.: A.W. Schlegel). And except 03 („Walls“): Lyrics by Constantine P. Cavafy.
All texts spoken by JULIA RANI. Except 01: Spoken by FRANK SIEBERS.
All music performed & recorded by Tobias Herzz. Recorded between March 2019 & March 2020 at „Hochbunker Turm D“, „Zentralwerk“ Dresden, and at a plateau near Dresden.

Mixed & mastered by NIKOLAUS WOERNLE at „Zentralwerk“.
Photos & Artwork by Tobias Herzz.

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Tobias Herzz Dresden, Germany

Tobias Herzz Hallbauer // musician / theater musician / painter // lives/works in Dresden (Germany)

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